Szenisches Spiel für Menschen mit und ohne Behinderung:
Ziele und Auswirkungen der Theaterarbeit: - Individuelle Gestaltungsmöglichkeit, - Entwicklung von persönlichen Ausdrucksformen, - Förderung von Leistungen ohne Wettbewerb und Leistungsorientiertheit, - Entwicklung der Entdeckungsfreude.
Leben Menschen mit Behinderung die schöpferischen Möglichkeiten aus und werden diese von der Umwelt akzeptiert und angenommen, so bringen sie Gefühle wie Selbstbewusstsein, Selbstachtung, Ruhe und Freude mit sich. Durch erprobte Handlungen im szenischen Spiel spiegelt sich im Alltag ein höheres Maß an Handlungsfähigkeit wieder. Nicht-Behinderte erhalten die Chance dem Denken und Fühlen ihrer behinderten Partner näher zu kommen, und sich auch mit ihren eigenen Grenzen auseinander zu setzen.
Grundsätze für das szenische Spiel: (entnommen den Prinzipien der nondirektiven Spieltherapie von Axlein) Achtung vor dem anderen: Sein Wesen annehmen, und damit die Verantwortung für sein Handeln fördern und Gelegenheit schaffen diese oft neue Verantwortung zu erproben.
Nicht pushen (vorantreiben): Die Spielenden bestimmen die Spieldauer des Stückes, das zeitliche Ausmaß der Rollen, die Dauer der Proben. Jeder benötigt eine bestimmte Zeit und ein persönliches Tempo.
Nicht lenken, nondirektiv: Die Theaterarbeit soll nicht von den Spielleitern beeinflußt werden. Die Spieler sollen nicht durch Lob manipuliert werden, und ihren persönlichen Ausdruck bewahren. – Raum und Zeit zur freien Rollen- und Schwerpunktwahl gewähren.
Innere Sicherheit: Eine neue Sicherheit für den Umgang mit Problemen und Auseinandersetzung mit neuen Situationen soll gewonnen werden. Begrenzen: Zwei wichtige Begrenzungen: Das klare Beenden der Proben, die Requisiten bleiben im Proberaum.
Einstieg ins szenische Spiel: Ein bedeutender Teil der Vorbereitung ist es, das geeignete Spiel für die Gruppe auszuwählen. Es ist ein sich hintasten und hinspüren notwendig, was der Spielgruppe zugetraut werden kann, welcher Spielraum und Zeitraum zur Verfügung steht und welche Themen zu bestimmten Zeiten und gegebenen Umständen passen ( z.B. ein Schattenspiel an langen Winterabenden...) Günstig ist es für die Arbeit Bilderbücher oder andere zu verwenden, je nach Altersgruppe. Bilderbuchtexte sind zumeist einfach, klar und gut verständlich. Die Bilder eignen sich gut zum Betrachten, sind groß genug, dass sie eine ganze Gruppe ansehen kann und regen die Phantasie an. Dadurch erleichtern sie den Einstieg in die Rollen.
Einstieg in Spielstücke mit Aufführcharakter: Hinführen zum Thema, Vorbereitungen, Requisiten, Bühne...Äußerer Anlass: Ausgangspunkt für eine szenische Auseinandersetzung ist oftmals ein bestimmter Anlass, z.B. ein Jahrestag, ein Festtag; es steht zuerst das Thema, Ort und Datum der Aufführung, dann erst werden die Spieler dazu „gefunden“. Innerer Anlass: Eine Gruppe, die sich intensiv mit einem Thema auseinandersetzt, möchte dies in einem Theaterstück zum Ausdruck bringen. Thema und Methode des Aufführens gehen meist Hand in Hand, d.h. ein bestimmtes Thema wird durch die Art des Spiels erst richtig hervorgehoben.
Wichtige Grundsätze für die Auswahl der Methode sind: - das Wissen über das Zusammenspiel von Thema und Methode – das Können der Menschen zu unterstützen und ihnen selbständiges Handeln ermöglichen – den Inhalt einfach und verständlich darstellen – Freiräume anbieten, die dem einzelnen Spieler ermöglichen, sich in seiner individuellen Art einzubringen.
Vorbereitung: Oft ist es für den Spielverlauf wichtig, bestimmte Grundbegriffe vor dem Spiel zu erarbeiten. So kann man zum Beispiel beim Lebkuchenmann immer wieder den Vorgang des Keksebackens miterleben lassen, damit dieser Begriff dann auch gespielt werden kann. Gleichzeitig erleben und erfahren die Spieler während des Probens immer wieder bestimmte Begriffe und lernen daraus, ohne dass es jemals angesprochen werden muss. Requisiten: Gemeinsam mit den Spielern werden die Kulissen und die Requisiten vor dem Spiel gebastelt, ohne dass auf ihre spezielle Bedeutung hingewiesen wird. Beim ersten Proben mit diesem Material wird durch das Wiedererkennen und „sich erinnern“ Energie frei, die die Proben sehr belebt. Das Fertigstellen der Requisiten während des Probens: Das stellt eine ganz andere Erfahrung dar: Die Spieler erleben das langsame Entstehen und Vervollständigen des Stückes. Sie erleben bei ihrem Hineinwachsen in die Rolle den Weg vom leeren Bühnenbild bis hin zur voll gestalteten Bühnenwelt. In diese Zeit fallen noch Entscheidungen über die Wahl des Raumes, der Musik, der Verkleidungen...
Proben: a.) Das Stück vorstellen: Je nach Schweregrad der Behinderung ist es wichtig, den Text „in Bildform“ zu zeigen, eventuell sogar übergroß. Gut eignen sich hier einfache Bilderbücher, die durch die Gestaltung die Phantasie anregen. Sind Bilder und Kulissen identisch, löst dies bei den Spieler immer wieder Erinnerungen an den Bildtext aus und beeinflusst so die Spielfreude. | b.) Rollen auswählen: Wie sich die Rollenauswahl gestaltet, hängt von der jeweiligen Gruppe ab. „Die Zufriedenheit aller Spieler mit ihren Rollen ist wichtig“. c.) Erste Probe: Je nach Schweregrad der Behinderung heißt Proben: Jedem einzelnen Spieler seine Rolle so erlebbar machen, dass er Sicherheit gewinnt und ihn das Hinzukommen von weiteren Rollen nicht verwirrt. Wichtig: Erspielen und nicht Bespielen. d.) Für die einzelnen Proben: Gleiche Rahmenbedingungen, wie sie bei der Aufführung vorgesehen sind. Die einzelnen Proben mit den selben Personen. Eine fixe Zeit, um zu beginnen, damit sich die Spieler einstellen können. Mit einer guten Zeit für die Gruppe beenden und nicht zuviel Probe. Die Aufführung: Die Aufführung ist das Ziel und der Höhepunkt der szenenhaften Aufarbeitung eines Themas. Das Abrunden und Ausklingen dieser gemeinsamen Phase des Erlebens vollzieht sich noch Wochen nach der Aufführung. Durch das Miteinanderproben ist eine Gemeinschaft entstanden, die auch ihre Zeit braucht, um sich wieder voneinander zu lösen. Neben dem Erarbeiten des Themas werden verschiedene Erfahrungen gemacht: Spielfreude, Spontanität, Kreativität und Lebensfreude werden geweckt und können sich entfalten. Wichtig für diesen Entwicklungsprozess der Spieler ist ein überlegtes, sorgfältiges Begleiten durch die Spielleitung.
Frederick: (nach dem Buch von Leo Lionni, erschienen im Middelhauve Verlag)
Spielgruppe: 6 Jugendliche mit schwerer Mehrfachbehinderung, eine Erzählerin, ein Betreuer für die Dias und die Musik.
Zielvorstellung: Die Jugendlichen zum Mitspielen einer Geschichte animieren, in der einer, obwohl er „nichts tut“, seinen Teil zur Gemeinschaft beiträgt.
Material: Mäusekappen, aus Karton ausgeschnittene Steine, Getreide, Mais, Kartoffeln, Obst, Beeren..., Wiesenlandschaft aus Wellpappe, ein Leintuch für den Winter, Musik und Recorder, Dias (für die Sonnenstrahlen, die Farben, die Wörter), ein Leintuch, auf das von hinten projiziert wird.
Zeit: Das Stück dauert ca. 30 Minuten. Das Proben nimmt jedoch viel Zeit in Anspruch.
Die Geschichte erzählt von einer Steinmauer auf einer Weide, hinter der eine Mäusefamilie wohnt. Die Mäuse sammeln Tag und Nacht voller Fleiß ihre Vorräte für den Winter. Sie wundern sich über Frederick, der bei diesem geschäftigen Eifer nicht mitmacht. Frederick sammelt auch, aber er sammelt unsichtbare Schätze, wie Sonnenstrahlen, Farben und Wörter für die kalten und grauen Wintertage. Beim ersten Schnee sind alle Mäuse in ihrem Versteck und genießen ihren Körnervorrat. Mit zunehmender Kälte wird das Essen und der Gesprächsstoff weniger. Da kommt Frederick gerade recht mit seinen Geschichten und Bildern von der warmen Sonne und den blauen und roten Blumen. Alle staunen über seine Erzählungen und lieben seine Gedichte. Frederick wiederum freut sich über den Beifall, den er selbstbewusst für seine „gesammelten Vorräte“ erntet.
Nun wird mit den Jugendlichen auf Karton Körner, Obst und Mais geklebt, und auf einem anderen Karton eine Wiese gemalen. Dias und passende Musik werden ausgewählt.
Dann erst wird die Geschichte erzählt, und mit allen gespielt die mitspielen wollen. Als Ausgangspunkt während des Spiels dienen Hocker, auf denen die Jugendlichen als Mäuse sitzen. Von hier aus tragen sie Mais, Körner und Obst zu den Steinen, um dort nach getaner Arbeit sitzen zu bleiben. Steine und Wiesen sind Dekor und Begrenzung des Spielfeldes und bieten den Spielern zusammen mit dem Fixplatz, den sie durch die Hocker haben, einen guten Überblick und damit Sicherheit.
Wenn Jugendliche kaum sprechen können, wird die Sprache während des Spiels weggelassen. Die Geschichte wird den Handlungen entsprechend erzählt. Während Frederick von Farben, Sonnenstrahlen und Wörtern erzählt, werden über den Köpfen der Mäuse dazupassende Dias gezeigt. Die Musik wird zu Beginn des Spiels, während der Dias und am Ende des Spiels eingesetzt.
Menschen mit und ohne Behinderung sollten keine Informationen und Ausdrucksmöglichkeiten vorenthalten werden. Sie sollen partnerschaftlich mit einbezogen werden und ernst genommen werden, wobei man Pseudohandlungen ausschließen muss. Behinderte Menschen sind besonders feinfühlig, ob sie wirklich ernst genommen werden, oder nicht. Wenn dies nicht der Fall ist kommt es leicht zu Fehlentwicklungen, die auf jeden Fall vermeidbar wären. Das szenische Spiel kann eine gute Hilfe in der Entwicklungsförderung sein, Platz für Gefühle und Entspannung schaffen, wenn man Leistungsdruck vermeidet, und die Freude am Spielen an erster Stelle reiht. Dieses partnerschaftliche Miteinander erfordert strukturiertes Vorausdenken mit gleichzeitiger Offenheit für Wünsche und Bedürfnisse aus der Gruppe, für Anregungen vom Einzelnen und der Abgabe von Macht zu entscheiden und zu be- oder verurteilen. (verwendete Literatur: Ich zeig dir meine Welt. Menschen mit Behinderung im szenischen Spiel, ein Praxisbuch für alle, Marion Seidl und Erich Heiligenbrunner) |