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Jeux dramatiques

Autor: Ariane Oberwallner
( Dipl. Behindertenpädagogin )

Jeux dramatiques


....sich mit einer Rolle identifizieren, sie innerlich erleben und zum Ausdruck bringen


Einstieg in die Jeux dramatiques:


Nach dem Buch „Jeux Dramtiques dans l`Education“ – (Paris 1936) wurden die Jeux Dramtiques zuerst in Frankreich bekannt. Diese Art von Theaterspiel kam durch die Pfadfinderinnenbewegung in die Schweiz. Nach und nach fanden die Jeux Dramatiques Eingang in die Erwachsenenbildung, sowie in die Aus- und Weiterbildung für Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen. Aufbau und Entwicklung der Jeux Dramatiques in der Schweiz ist vor allem der Verdienst von Heidi Frei. Von dort brachten Eva Peter, Karlheinz Moosing und andere die Jeux Dramatiques nach Deutschland.


Definition:

Jeux – Spiel, ist einerseits lustbetonte Bewegungsfreude, andererseits die freiwillige Unterordnung unter die Spielregeln.


Dramatiques- anstelle von „theatrale“, soll hervorheben, dass in erster Linie zur persönlichen Entwicklung gespielt wird.
(Zitat: Leon Chanzerel)


Die Jeux Dramatiques/Ausdrucksspiel aus dem Erleben sind :


- Mittel, inneres Erleben, Stimmungen und Gefühle spielerisch auszudrücken


- Wege zum Entdecken und Wachrufen schlummernder oder unbewusster schöpferischer Fähigkeiten


- Möglichkeit zur Selbstentfaltung


- Methode zur Freizeitgestaltung


- eine einfache Art des freien Theaterspiels ohne eingeübte Spieltechnik


- Möglichkeit zum sozialen Lernen auf spielerische Weise



Die Methode der Jeux Dramatiques:


Der Weg: geht über die Identifikation mit einer selbst gewählten Rolle und das spontane Darstellen von Spielideen. Bereits der Wunsch, sich mit etwas zu identifizieren, ist ein Schritt auf dem Weg zum Ausdrucksspiel. Dieses Besinnen auf sich selbst führt die Spieler zu einer intuitiven Rollenwahl mit Fragen wie: Was möchte ich machen? Die Spieler gestalten nach eigenen Vorstellungen Bilder und Lebensprozesse aus Natur und Alltag. Sie verkörpern z.B. Menschen, Tiere und Wesen aus der Phantasie, Pflanzen und Naturelemente, Gegenständliches und Symbolhaftes. Das Spielgeschehen wird angeregt und begleitet von literarischen Texten, die eine Sprecherin zum Spiel liest, oder frei erfundenen Themen ohne Text.
Spiel: steht das eigene Empfinden und der momentane persönliche Ausdruck der Spieler im Vordergrund. Während dieser Zeit brauchen die Spieler nicht zu reden und können somit ihre Rolle von innen her gestalten. Durch das Weglassen der Sprache entsteht jene innere Dynamik, durch die sich viele unserer schöpferischen Anteile erst entfalten können.
Erfahrungen: vielseitig zu gestalten, arbeiten wir in den Jeux Dramatiques mit den unterschiedlichsten Materialien, z. B. Texte, Fotos, Musik, Bilder, Krims-Krams, ....zur Rollenfindung und Tücher, Bänder, Hüte, Schminke, ... zum Verkleiden. Diese Medien und Materialien sind jedoch niemals Selbstzweck, sondern Impulse für den sensiblen Weg der Spieler zu sich selbst.


Zum Spiel zu Text wird verschiedene Literatur gelesen, z.B. Kurzgeschichten, Bilderbücher für Erwachsene und Kinder, illustrierte Erzählungen, Märchen und Sagen, biblische Geschichten, Parabeln und philosophische Texte, Gedichte und Sinnsprüche, selbstgeschriebene Texte, Traumbilder,...


Abschluß: Durch Erlebtes ist die Energie besonders intensiv, weil die Dynamik des inneren Erlebens durch das Weglassen der Sprache bis zum Ende erhalten bleibt. Dieses „Angefüllt sein“ von Eindrücken und Erlebnissen durch das Spiel wird im Nachgespräch aufgegriffen. Jetzt ist es Zeit zu berichten, zuzuhören, sich auszutauschen oder auch gemeinsam zu schweigen. Im Nachgespräch vollzieht sich der Prozess von der Selbstoffenbarung zur Selbsterkenntnis.



Spiele zum Einsteigen: Spiele zum Einfühlen, Wahrnehmen, Spüren. Spiele zur Selbsterfahrung, Partner und Gruppenübungen. Einsetzen verschiedener Materialien, z.B. Tücher, Federn, Karten. Spiele zum Ausprobieren von Rollen und schwierigen Situationen.


Spielarten: Ausdrucksspiel zu Text: Gespielt wird zu Bilderbüchern, literarischen Texten... Gut eignen sich Texte ohne oder mit wenig direkter Rede, klarer Handlung und bildhafter Sprache. Ausdrucksspiel ohne Text: Hier gibt es verschiedene Spielarten:


Das Naturspiel: Dargestellt werden: Elemente, Naturprozesse, Landschaften, Tiere


Das Symbolspiel: Die Spieler setzen sich mit Themen auseinander: Glück, Geborgenheit, Kälte, Wärme, Grenzen.


Das freie Märchenspiel: Jeder Spieler sucht sich seine spezielle Rolle, die Gruppe legt vor dem Spiel mit den verschiedenen Spielfiguren den Handlungsablauf fest.
Die Spieler wählen Märchenrollen und gestalten daraus ein freies Spiel.


Situationsspiele: Szenen aus dem Alltag: am Bahnhof, in der Pause, zu Hause, im Zirkus.


Ausdrucksspiel mit Musik: Klang- und Geräuschinstrumente: Die Spieler improvisieren mit Gegenständen, Instrumenten, Stimme und Körperinstrumentarium zu einem Thema oder ihrer momentanen Stimmung.


Eine Musikgruppe begleitet eine Spielgruppe spontan mit Geräusch, Klängen oder Melodien.


Spontan entstehende Klänge und Geräusche einer Gruppe werden von einer zweiten Gruppe in Bewegung umgesetzt.


Zu einem Text oder einem Thema wird mit Bewegung, Geräuschinstrumenten, körpereigenen Geräuschen und Stimme gespielt.


CD´s: Die Spieler interpretieren in Spiel und Tanz Musik von der CD, zu einem Spiel wird als Untermalung eine passende Musik ausgewählt.

Zwei praktische Beispiele:


1. Materialauswahl:

Spielgruppe: 5 Kinder mit Sehbehinderung, 1 Kind mit Mehrfachbehinderung, 1 Kind mit Blindheit.
Zielvorstellung: Die Materialien so anbieten, dass die Kinder über das Material zu ihren Rollen kommen und sich daraus ein freies Spiel ergibt. Material: Für die Auswahl: Muscheln. Tücher für die Bilder, Gong, zum Verkleiden: Tücher, Hüte,... Zeit: 2 Stunden


Allgemeines: Diese Spielart ist günstig für fortlaufend durchgeführte Spieleinheiten (an verschiedenen Tagen). Der gleichbleibende Aufbau der einzelnen Spieleinheiten bietet den Menschen mit Behinderung Möglichkeiten, sich zu orientieren, sowie Sicherheit und klar erkennbare Grenzen.


Gegenstand auswählen: Sesselkreis, in der Mitte liegt ein Tuch, darauf liegt das Material (z.B. Muscheln). Während die Kinder mit geschlossenen Augen warten, enthülle ich das Material. Mit einem leisen Gongschlag öffnen die Kinder die Augen. Mit den Augen wird gewählt, aber jeder behält es noch für sich. Das Kind mit Blindheit befühlt die Muscheln.


Erkennen, Entdecken: Jeder darf nun der Reihe nach sagen und zeigen, welcher Gegenstand ihm am besten gefällt. Hat ein anderer auch den Gegenstand als „Lieblingsgegenstand“, so macht er ein Stopp-Zeichen. Im Gespräch entscheiden die Kinder, ob sie bei dem Gegenstand ihrer Wahl bleieben, zugunsten eines anderen verzichten oder sogar einen zweiten oder dritten Lieblingsgegenstand haben. Wenn jeder schließlich einen Lieblingsgegenstand gefunden hat beginnt das Entdecken von Farbe, Form, Struktur, Geruch und Gewicht.


Herzeigen: Jeder kann nun reihum seinen Gegenstand zeigen, und wenn er Lust hat etwas dazu sagen.


Spiele und Kunststücke: Nun wird mit den Gegenständen gezaubert, balanciert und gespielt. Im fortlaufenden Spielprozess ist es wichtig, dass die Kinder ihre Gegenstände ruhig weglegen können, ohne weiter zu experimentieren.



2. Der himbeerrote Drache:
(von Georg Bydlinski, Piotr Stolarczyk, Jugend und Volk Verlag Wien)


Spielgruppe: Jugendliche mit Mehrfachbehinderung.
Zielvorstellung: Mit den Jugendlichen ein Spiel zum Text darstellen, indem eine Person eine Außenseiterrolle einnimmt.
Material: Tücher, Gegenstände des Raumes, Schminkfarben, Korb, Tasche, Seidenpapier, Gong, verschiedene Utensilien.
Zeit: 90 Minuten


Vorbereitung: Das Buch vorstellen. Rollen auswählen: Mit den Jugendlichen die Rollen auswählen, der himbeerrote Drache, die Tiere vom Bauernhof und die Leute aus der Stadt, die grünen Drachen. Verkleiden und Raumgestaltung: Tücher aussuchen, schminken, Spielplätze aussuchen: das Land der Drachen, den Teich, den Bauernhof und die Stadt. Das Stück beginnt und endet mit einem Gong.


(Der himbeerrote Drache befindet sich im Geschichtenteil - "Freizeit: Geschichten")


- In den Jeux Dramatiques kann der Intellekt ausspannen, während sich unzählige schöpferische Anteile entfalten können. Jeux Dramatiques ist eine Methode, sich lustvoll mit sich und den Mitspielern auseinander zu setzen, um ein Stück mehr über sich selbst zu erfahren.


Jeder hat Zeit seine momentane Stimmungslage zu entdecken. Jeder sucht sich die Rolle selbst aus. Jeder spielt so, wie er sich fühlt. Jeder respektiert den Freiraum der Mitspieler. Jeder spielt ohne Sprache, mit allen nonverbalen Ausdrucksmöglichkeiten. Jeder spielt nur, wenn er will, und ist ansonsten einfach am Erlebnis Teilnehmer.
(Literatur: Ich zeig dir meine Welt, Marion Seidl und Erich Heiligenbrunner)
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