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Farben und behinderte Menschen

Autor: Ariane Oberwallner
( Dipl. Behindertenpädagogin )

Bevor Sie den folgenden Beitrag lesen, setzen Sie sich entspannt hin, schließen für einige Minuten die Augen, und setzen sich dann intensiv mit den Farben vor Ihrem Fenster auseinander....


Das Empfinden von Farbe ist subjektiv, objektive Auseinandersetzung mit Farbe kann nur im physikalischen Sinne erfolgen. Isaak Newton hat als erster 1976 Licht mit Hilfe eines Prismas in die Spektralfarben zerlegt und den Grundstein zu physikalischer, objektiver Farbanalyse gelegt. Für die pädagogische Arbeit ist die Farbenlehre von Johannes Itten, der ihre Eigenschaften und Wirkungen beschrieben hat nützlich. (Kunst der Farbe, Itten).


Behinderte Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Farbe:
Der Großteil geistig-behinderter Menschen hat ein unbefangenes Verhältnis zur Farbe. Farben haben in ihren Malereien symbolische Aussagekraft. Die Sonne ist gelb, der Himmel ist blau, die Blumen sind rot. Der Bezug ist sehr unmittelbar.


Zur Erklärung: Die kindliche Malentwicklung ist kaum von farbigem Gestalten geprägt, als vielmehr von der Graphik. Malen wird vom Farbfleck her gedacht und Graphik von der Linie, dem Punkt, der Struktur. Es handelt sich um ein graphisch-symbolhaftes Interpretieren der Umwelt. Die klassische Entwicklung: Kritzeln – Spiralen – Kopffüßler.(Die erforderlichen motorischen Abläufe werden sensibilisiert.) Mit 6 – 8 Jahren denkt das Kind noch in erster Linie Baum oder Haus, und die Farbe unterstreicht die graphische Darstellung.


Das geistig, lern- und wahrnehmungsbehinderte Kind durchläuft diese Entwicklungsschritte oft nicht oder nur teilweise. Wahrnehmungs- und lernbehinderte Kinder entwickeln oft ein ausgeprägtes Störungsbewusstsein, welches durch die leistungsorientierte, ständig korrigierende Umwelt verstärkt wird.
Mehr in seiner Mal- und Zeichenentwicklung gehemmt ist das körper- und mehrfachbehinderte Kind, dem durch seine begrenzten Möglichkeiten der unmittelbaren Umwelterfahrung wie der körperlichen Beeinträchigung das entwicklungsgemäße grapho-symbolische Malen kaum möglich ist. Problematischer bei diesen Kindern ist, dass sie häufig geistig eine normale Entwicklung durchlaufen, der die körperliche Entwicklung nicht folgen kann, wodurch es zu inadäquaten Angeboten kommen kann. Diese entsprechen entweder dem geistigen Leistungsvermögen oder der körperlichen Störung nicht. Geistig-behinderte Menschen sind im Falle, dass Malen als vergnügliche, schöpferische Tätigkeit vermittelt wurde am unbefangensten und experimentieren gerne. Sie sind weniger selbstkritisch, und einfach stolz etwas geschaffen zu haben, gleichgültig ob es der gängigen Ästhetik entspricht oder nicht.


Angebotsreduzierung: Bei der Farbwahl empfiehlt sich ein reduziertes Angebot, ausgehend von den drei Grundfarben: Gelb, Rot und Blau. Mit diesen lernt man über Vermischen zu neuen Farben zu gelangen. Eine zu große Farbpalette bedeutet oft eine Überforderung. Eine zweite Möglichkeit: Sie erkunden die Lieblingsfarben, und bieten dem einzelnen in der Malgruppe ein knappes, überschaubares Angebot davon an. Generelle Vorschläge sind jedoch schwierig. Vieles ist individuell in der jeweiligen Praxis zu erarbeiten, und hängt von der Situation, den Rahmenbedingungen und der Persönlichkeit behinderter und nicht-behinderter Menschen ab.
Malen mit dunklen Farben: Zwei häufige Beweggründe: Intuitiv werden Farben gewählt, die den stärksten Kontrast zum weißen Papier bilden. Hellere Farben sind häufig nicht aussagekräftig genug. Erdige, braun bis schwarze Farbtöne geben Sicherheit und stehen für das Bedürfnis nach Geborgenheit. Es sollte behutsam versucht werden das Farbspektrum auszuweiten. Farbiges Papier kann manchmal eine Hilfe sein, zu anderen Farben zu gelangen.


Malen ohne formale Gestaltung: Von der basalen Auseinandersetzung mit den Händen mit Kleister und Farbe, bis zur Handhabung von Pinsel und Malkreiden finden sich viele Ansatzmöglichkeiten für das Malen- auch besonders für körper- und mehrfachbehinderte Kinder. Diese Techniken schließen graphisch-zeichnerisches Gestalten nicht aus, so dass alle Möglichkeiten offen bleiben.


Malwerkzeug: Fixieren sie sich nicht auf herkömmliche Pinsel. Sinnvoller sind oft Farbwalzen, breite Malerpinsel, Holzkugeln, Tennisbälle, Rasierpinsel...Malrollen bieten sich vor allem für Personen an, die nicht in der Lage sind einen Pinsel zu führen. Dies ist besonders geeignet für großflächiges Malen mit flüssiger Tempera- oder Volltonfarbe. Pipetten mit großen Gummibällchen eignen sich gut für Farbtropfen, Quetschmalerei für diejenigen mit handmotorischen Behinderungen.


Gestalterische Arbeit mit mehrfachbehinderten Menschen kann jedoch in erster Linie Realitätsbezug herstellen. Die Kreativitätsentwicklung steht an erster Stelle, Handfunktionstraining, selektive Fingerbeweglichkeit, taktil-kinästhetische Reizzufuhr oder Senisibilitätstraining sollten im pädagogischen Alltag vorsichtig und eher spielerisch eingebaut werden. Eine gute Absprache mit Ergo- und Physiotherapeutin ist unbedingt notwendig. Sie geben Auskunft darüber welche Funktionen besonders gefördert werden sollen. Die Pädagogen wieder geben Rückmeldung über Fortschritte, Rückschritte oder Stillstand. Wichtig ist für alle Beteiligten die Fortschritte nicht von der eigenen Persönlichkeit abhängig zu sehen, sondern diese als Entwicklungsprozess in einem komplexen Umfeld zu werten. Die Familie sollte in der gemeinsamen Teamarbeit ebenfalls einen gleichwertigen Stand einnehmen. Sie leisten wichtige Mitarbeit in punkto Beobachtung und Beitrag zum Förderungskonzept. Daraus können spezielle Beobachtungs- und Förderbögen entwickelt werden. Diese sollten kein Geheimnis sein, sondern der Familie zugänglich. Günstig wäre es auch die behinderten Menschen mit einzubeziehen, Fortschritte mit ihnen gemeinsam einzutragen. Besonders geistig-behinderte Menschen sollte man in ihrem Bewusstsein und ihrer Aufnahmefähigkeit nicht unterschätzen. Sie haben in unterschiedlichen Bereichen oft sehr “reife Inseln“, und verstehen das Gewicht eines Themas vor allem emotional. Den Inhalt kann man einfach und leicht verständlich verpacken.


Der Verstand ist nur das Werkzeug, die Emotionalität das Gewicht - Kreativität ist der Ausdruck von individueller Persönlichkeit, momentaner Gefühlslage und Verantwortung sich selbst und anderen gegenüber.

(Literatur: Gemeinsam gestalten, Arbeitsbuch zur integrativen Kreativitätsförderung, Herbert Steiner)
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