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Der verkehrte Mond


Der verkehrte Mond
Ich habe mich Zeit meines Lebens etwas anders verhalten, als es im Allgemeinen so üblich ist. Als Neugeborene sah ich die Welt verkehrt herum, alle standen auf dem Kopf, meine Mutter, mein Vater, meine Geschwister. Irgendwie hat mir das alles ganz gut gefallen, dass alle so auf dem Kopf gestanden sind, außer mir. Sie haben sich dadurch auch alle etwas langsamer bewegt, das hat mich beruhigt als Neugeborene. Ein Jahr später als diese Zeit vorüber war, haben mein Vater und meine Mutter bemerkt, dass ich alles verkehrt herum gesehen habe. Sie haben es nicht so beruhigend gefunden wie ich. Ab diesem Zeitpunkt haben sie sich sehr bemüht um mich, und mir versucht die Welt anders herum zu erklären.

Mein Vater hat es besonders streng zu erklären versucht, dass man mit beiden Beinen im Leben stehen muss, um es zu etwas zu bringen. Meine Mutter hat es etwas sanfter versucht, sie hat geglaubt, dass ich meistens träume und dass sie besonders gut auf mich aufpassen muss deshalb. Meine Geschwister haben es anfänglich eigentlich überhaupt nicht bemerkt, dass ich die Welt anders herum gesehen habe. Ich glaubte damals, dass sie alles nicht viel anders gesehen haben als ich, und dass ihnen deshalb nichts aufgefallen ist. Später haben sie nämlich auch angefangen mich zu belehren wie meine Mutter und mein Vater. Nur meiner jüngsten Schwester ist nie etwas aufgefallen. Sie muss selbst noch immer alles anders sehen. Wir haben deshalb nie Probleme miteinander. Aber nun möchte ich erst weiter erzählen wie es mir so weiter ergangen ist, nachdem ich die aufregende Zeit als Neugeborene hinter mich gebracht habe.

Ich habe nun zu laufen angefangen, trotz aller Befürchtungen, dass ich nicht fähig sein werde meine Beine einzusetzen. Natürlich habe ich es auch ein wenig anders gemacht als es im Allgemeinen so üblich ist. Ich bin nämlich zuerst nach rückwärts gegangen, anstatt nach vorne wirklich ich war immer im Rückwärtstempo unterwegs. Mein Vater ist fast ausgeflippt als er es von meiner Mutter erfahren hat. Sie hat es ihm am Sonntag beigebracht als ich ein knappes Jahr alt geworden bin. Sie ist zuerst mit der Wahrheit nicht ganz heraus gerückt, und als mein Vater dann doch darauf gekommen ist, und getobt hat, da hat sie schließlich gar nichts mehr gesagt, ist zu mir ins Kinderzimmer gekommen und hat geweint. Ich habe nicht genau verstanden warum sie geweint hat, aber ich habe trotzdem auch zu weinen begonnen, einerseits weil mir wirklich danach zumute war, auf ihre Reaktion hinauf, und andererseits weil ich gerne weiter im Rückwärtsschritt gegangen wäre, anstatt im Vorwärtsschritt. Es hat mir einfach mehr Spaß gemacht, und ich konnte es auch besser als umgekehrt. Das hat aber niemanden interessiert, am allerwenigsten meinen Vater, der hat nur weiter getobt, und meine Mutter hat weiter geweint.

Nach drei Jahren war es dann soweit, dass ich richtig laufen konnte, richtig sehen konnte, und alle wären zufrieden gewesen, wenn ich es auch gewesen wäre. Aber mit vier Jahren habe ich begonnen die Dinge mit Absicht verkehrt herum zu machen, und nicht mehr weil ich es einfach nicht anders konnte. So habe ich zuerst einmal damit begonnen immer verkehrt herum zu verstehen, obwohl ich es genau richtig verstanden habe. Ich habe in meinem Kopf schnell alles verdreht und zwei Antworten darauf gegeben, die eine die ,die richtige war, die habe ich für mich behalten und die andere die falsche die habe ich den Leuten gesagt.

Am liebsten habe ich meinem Vater falsche Antworten gegeben, weil er dann ausgerastet ist, und sich vor sich selbst nicht mehr erwehren konnte. Ich habe das so gemacht, weil er schon vorher, als ich es doch nicht böse gemeint habe, auch nicht verstanden hat. So habe ich mir gedacht, ich muss Verwirrung stiften, weil man mit meinem Vater eh nicht anders reden kann. Meine Mutter hat sich zu diesem Zeitpunkt oft gar nicht mehr eingemischt, nur wenn er ganz toll ausgeflippt ist. Ansonsten hat sie resigniert, und mir als Ersatz für sein mangelndes Verständnis Süßigkeiten zugesteckt. Die habe ich oft heulend aufgegessen, oder ich habe sie einfach nur unter mein Kopfkissen gelegt, um die ganze Nacht darauf zu liegen.
Es war so eine Art Zaubermittel gegen böse Geister, die man vielleicht mit Süßigkeiten bestechen konnte.

Ich habe das auch noch gemacht wie ich zur Schule gekommen bin, fast bis zum Ende der Volksschule, erst danach habe ich damit aufgehört.

In der Schule sind sie zuerst über mein Verhalten auch nicht so erfreut gewesen, die Lehrerin wollte mich zuerst gleich absondern von den anderen Kindern, weil sie geglaubt hat, ich verstehe sowie so nichts richtig. Sie hat nicht verstanden, dass ich doppelt denke, doppelt spreche, doppelt sehe und doppelt höre. Nach einiger Zeit hat sie sich aber beruhigt, und hat sich mehr auf die anderen Kinder konzentriert. Sie hat ein Mädchen entdeckt, das nicht aufs Klo wollte, das war noch schlimmer als doppelt sehen. Außerdem hat sie der Beruf von meinem Vater beeindruckt, da hat sie mich plötzlich in einem anderen Licht gesehen, als vorher, nachdem er ihr es gesagt hat. Sie hat mein unangepasstes Verhalten dann gleich ganz anders gewertet als vorher. Die nächste Zeit in der Volksschule habe ich dann teilweise ganz lustig verbracht. Einmal durfte ich sogar bei einem Kasperltheater alles verkehrt herum erzählen. Es war der schönste Tag in der Volksschule.

In der Hauptschule hatte ich dann einige Lehrer die auch verkehrt herum gedacht haben, sie haben es sehr gut gemacht , so dass es niemand anders gemerkt hat.

Sie haben mir am meisten bei gebracht, weil ich wieder so denken durfte, wie ich es als Neugeborene getan habe. Die Zeit ist viel zu schnell vergangen, und schon musste ich wo anders hin. Ich habe überhaupt nicht gewusst wohin, wer hätte mich so verkehrt wie ich war auch schon haben wollen. In der Pubertät habe ich das wieder stärker zu spüren bekommen als vorher. Das ist überhaupt so eine komische Sache mit der Pubertät, da glauben die Leute dir unbedingt wieder Beine machen zu müssen. Mein Vater hat mich gleich wieder viel strenger behandelt, dabei hatte er mich jetzt eine zeitlang ignoriert. Ich glaube er hat mich sogar vergessen, weil er sich immer nur um seinen Beruf und seine Garage gekümmert hat.

Das Auto hat er jeden Tag poliert. Es hat auch immer schön geglänzt. Man konnte sich wie im Spiegel anschauen darin. Ich habe öfters heimlich hineingeguckt, und mir vorgestellt wie ich später einmal ausschauen werde, wenn ich nicht mehr verkehrt herum gewachsen bin. Ich habe aber eigentlich nicht wirklich daran geglaubt, dass ich einmal richtig wachsen werde, so wie andere Leute auch. Ich hatte oft das Gefühl, dass meine Mutter es auch nicht geglaubt hat.

Sie hat es mir aber trotzdem immer wieder versichert, dass schon alles in Ordnung mit mir sei. Ich habe es ihr aber nicht glauben können, weil sie vor andren Leuten immer etwas anders gesprochen hat. So mit einem versteckten Seufzer, als hätte sie keine andere Wahl im Leben gehabt, als mich eben zu bekommen, weil es mein Vater halt anfänglich so gewollt hat. Er war dann eben entsetzt als er gemerkt hat, dass ich nicht so geworden bin ,wie man eben zu sein hat.

Nach der Pubertät habe ich es dann lustig gefunden anders zu sein, ich habe mir eingeredet, dass ich mehr Möglichkeiten habe als andere Leute. Ich weiß bis heute nicht so genau ob es stimmt. Ich habe andere zusätzliche Möglichkeiten, weil mein Gehirn ein bißchen anders funktioniert, als bei den meisten Leuten, obwohl mit ein klein wenig Phantasie kann eigentlich jeder so funktionieren, wenn er es gerne möchte. Man kann rückwärts laufen, die Sterne verkehrt ansehen, in der Luft schwimmen und im Wasser still stehen. Man kann rot für blau halten ohne dass es gleich eine Tragödie ist, und die richtigen Antworten auf die falschen Fragen geben.

Man kann auch den Mond für die Sonne halten und umgekehrt, weil das Licht immer Licht bedeutet, und weil man dabei die Wärme nicht verliert, weil man gar nicht kalt sein kann, wenn man rot mit blau verwechselt und die Pippi Langstrumpf als Vorbild gehabt hat.

In diesem Sinne wünsche ich allen Kindern und auch Erwachsenen
die gerade ein wenig Probleme mit ihrer allzu geraden Umwelt haben,
den nötigen Mut verkehrt herum zu leben und zu handeln.
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